Welchen Würfel hättens denn gerne?

  • Hurra, wir haben eine Werkstatt. Das nutze ich doch gleich mal, um einen theoretischen Diskurs zum Thema „Regelsysteme und die angewandten Würfel“ zu führen.


    Warum ist dieses Thema wichtig? Ich denke, jeder, der schon mal mit dem Gedanken gespielt hat, ein eigenes Regelsystem zu entwerfen, stellt sich zu Beginn die Fragen, wie realistisch es die Realität abbilden soll? Wie tödlich soll es sein, also wie schnell und häufig können die Helden sterben? Wie lange darf eine Charaktererstellung dauern? Wie ausgefeilt sollen Fertigkeiten angewandt werden (müssen)? Wie gehen wir mit Erfolgen und Fehlern um?


    Das sind nur einige Fragen, die einen Regelbauer beschäftigen. Die Antworten haben einen erheblichen Einfluss auf die Auswahl der zu verwendenden Würfel und das System dahinter. Und so finde ich es wichtig, dass wir uns mal mit den Würfelsystemen und den dazugehörigen Wahrscheinlichkeiten, also der Verteilung der Ergebnisse, und deren Auswirkungen auseinandersetzen.


    Nun ist das ein weites Feld. Daher habe ich mir überlegt, dass wir uns dem Thema schrittweise nähern und ich jede Woche Sonntag ein System oder einen Aspekt aus meiner Sicht erläutere. Nun bin ich kein Stochastiker. Ich werde daher mich Seiten aus dem Internet bedienen, deren Quelle ich dazu jeweils angeben werde.


    Mein angedachter Aufbau


    Wenn man mal die Aspekte leichte Spielbarkeit und vorhandene Würfelsets berücksichtigt, ist es nicht erstaunlich, dass es gar nicht so viele grundlegende Würfelsysteme gibt. Natürlich verwenden einige Regelsysteme eher seltene W4, W7, W8, W12 oder W30. Dazu gibt es Sonderwürfel mit speziellen Funktionen innerhalb des Regelsystems. Die meisten jedoch arbeiten mit W6, W10, W20 und W100 bzw. W%. Ich behaupte mal, dass sich fast alle anderen davon ableiten lassen. Der Umgang mit diesen Würfeln ist allerdings durchaus unterschiedlich, lässt sich aber wiederum gruppieren.


    Übrigens ist es kein Abkopieren oder gar ein Plagiat, wenn man sich für diese Systeme, vielleicht sogar in Reinform, entscheidet. Im Prinzip sind fast alle Würfelsysteme schon existent und zumeist in den ganz alten Systemen schon verbraten.


    Starten wir doch zuerst damit, dass wir uns die einzelnen Würfel mal unter dem Aspekt ihrer Eigenschaften und wie sie verwendet werden anschauen. Dabei gebe ich Beispiele aus bekannten Systemen und werde dies auch mal kritisch hinterfragen.


    Und das sind dann auch die ersten Themen:


    • Der W100



    • Der W20



    • Der W10



    • Der W6



    • Würfelpools



    • Kombinierte Systeme


    Wie gesagt, beginnen wir nächste Woche Sonntag mit W100. Bis dahin dürft ihr mir Anregungen geben, welche Aspekte ich bei meinen Ausführungen noch berücksichtigen soll.


    So long


    André

  • W100
    In unserem Ausflug zu den Würfelsystemen besuchen wir heute zuerst den W100 oder auch W%. Zumeist wird der W100 mittels zweier Würfel als Zehner- und Einerstelle abgebildet.


    Sein statistisches Wirken ist recht simple und gerade das macht ihn auch einfach einsetzbar. Da jeder Wert eben genau 1/100 Eintrittswahrscheinlichkeit besitzt, sind Wertebereiche leicht realisierbar. Möchte man eine Eintrittswahrscheinlichkeit von zum Beispiel 5%, so definiert sich der Wertebereich halt von 1 bis 5 oder 96 bis 100. Zudem bietet die Wertebasis genug Spielraum, um sich kreativ auszulassen. So wundert es also nicht, dass einige Systeme den W100 bei Schadens- und Kritikalitätstabellen einsetzen.


    Attribute
    Was bei solchen Zufallstabellen einleuchtend ist, stellt sich allerdings in anderen Bereichen als schwieriger heraus. So setzen einige Systeme auch in den Basisattributen auf W100 (Cthulhu, Midgard). Dabei ist der Höchstwert von 100 als das maximal erreichbare gesetzt, zum Beispiel die stärkste Kraft, die man aufbringen kann, das intelligenteste spielbare Wesen oder auch das höchste Zaubertalent, dass es auf der Spielwelt gibt.


    Aber genau diese Definition ist halt fragwürdig. Gibt es nicht immer einen noch stärkeren, noch intelligenteren oder noch fähigeren Helden?


    Auch die Abgrenzung zwischen spielbaren Wesen ist problematisch, denn ein Prozentsystem muss diese ins Verhältnis setzen. Wäre also ein Troll in einem W100-System spielbar, dann müsste sich der Maximalwert an diesem ausrichten und alle Rassen wiederum in passende Wertebereiche gepresst werden.


    Man erhält also automatisch Minimum- und Maximumwerte für die unterschiedlichen Wesen. Wie aber werden diese dann erwürfelt? Eine einfache Regel, die Minimum- und Maximumwerte setzt, wenn diese unter- oder überschritten werden, führen zu einer Häufung dieser Werte. Man erhielte eine Gesellschaft mit überproportional „dummen und hyperintelligenten“ Bewohnern. Eine andere Methode lautet schlicht, „würfel solange, bis dein Ergebnis in den Wertebereich passt“. Dies führt rein statistisch zu einer gleichmäßigen Verteilung innerhalb des Wertebereichs. Alles gut?


    In den Welten ist der Großteil ihrer Bewohner ein „Normalo“, also ein Wesen durchschnittlicher Intelligenz und Kraft, Geschicklichkeit und Konstitution. Es wäre also durchaus sinnvoll, dies auch in der Verteilung der Würfelergebnisse eines W100 abzubilden. Ein reiner W100 kann dies jedoch nicht leisten. Cthulhu zeigt hier einen Weg auf, den ich recht spannend finde. Die Bestimmung der Attribute erfolgt in ihrem W100-System nicht direkt mit demselben, sondern es wird das Ergebnis von 3W6 mit 5 multipliziert. Dafür holen wir mal ein wenig aus:


    Wahrscheinlich kennt ihr das Casinospiel seven-eleven, bei dem der Spieler mittels der Summe von zwei sechsseitigen Würfeln (W6, fortan als 2W6 geschrieben) eine „7“ erreichen muss, um zu gewinnen. Gewürfelt wird auf einem Tisch, wobei die Würfel am Ende gegen eine Wand treffen müssen. Die Regeln sind etwas komplexer als hier dargestellt, aber wir wollen ja auch nicht zocken. Wir fragen uns, warum die „7“ gewählt wurde?


    Der Grund liegt in der höchsten Wahrscheinlichkeit, dass die Summe eine ist, da es hierfür die häufigsten Möglichkeiten gibt: 1+6, 2+5, 3+4, 4+3, 5+2, 6+1 = sechs Möglichkeiten. Eine „2“ oder „12“ zu erreichen, gibt es dagegen jeweils nur einmal: 1+1 bzw. 6+6. Führten wir dies jetzt weiter aus und würden wir das Ergebnis grafisch darstellen, erhielten wir ein Dach mit der höchsten Wahrscheinlichkeit von ca 16% für eine sieben (siehe Grafik unten). Nun nimmt Cthulhu noch einen weiteren Würfel hinzu. Damit verändert sich der mögliche Wertebereich von 2 bis 12 (2W6) auf 3 bis 18 (3W6). Dies formt unser „Dach“ zu einer Kurve um, deren Maximalwert bei etwa 11 liegt. Da Cthulhu nun auch noch das Würfelergebnis mit 5 multipliziert ergibt sich also ein Wertebereich von 15 (5*3) bis 90 (5*18) mit einer Spitze der Wahrscheinlichkeitsverteilung bei 55 (5*11), also unserem „Normalo“-Bereich. Touché.


    Dass man bei Cthulhu also regulär nur Werte zwischen 15 und 90 erreichen kann und niemals der Intelligenteste oder Stärkste ist, ist ein netter Nebeneffekt, der aus meiner Sicht auch Sinn macht.


    W-der-Würfelergebnisse-bei-untersch-Würfelanzahl.png


    Quelle der Grafik: https://jaegers.net/mathematik-fuer-rollenspieler/
    © Michael Jaegers / Jaegers.Net


    Proben
    Vergleichende Proben, Widerstand- und Erfolgsproben sind mit dem W100-System denkbar einfach. Da gemäß Definition man eine Attribut- oder eine Talentfertigkeit besser beherrscht, umso höher der Wert ist, läuft eine Probe in der Regel so ab, dass man mit einem W100-Wurf unter seinem Wert bleiben muss, um erfolgreich zu sein.


    Schaden
    Anders sieht es bei der Berechnung des Schadens aus. Während Systeme, die mit „kleineren“ Würfeln agieren, die Schadenswerte direkt aus den Würfen ableiten (Differenz von Angriff und Verteidigung, eigener Schadenswürfel mit Zu- oder Abschlägen), würden die W100 eine viel zu große Spannbreite besitzen. Also muss hier entweder ein weiterer Würfel herhalten (zumeist ein W6) oder eine wie auch immer geartete Umrechnung erfolgen.


    Dies ist aus meiner Sicht auch einer der Hauptgründe, warum es wenige reine W100-Systeme gibt.


    Welche Systeme kennt ihr noch, die den W100 wirkungsvoll einsetzen? Welche W100-Regelungen könnt ihr noch beisteuern? Würfelt ihr gerne mit W100?

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